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Weisheit und Eskapaden eines verwunschenen Gilberto Gil

Gilberto GilMit Gilberto Gils Arbeit als Songschreiber beschäftigt sich ein Werk, das der Journalist Carlos Renó, der selbst auch Songtexte schreibt, nun unter dem Titel Todas as Letras in einer durchgesehenen und erweiterten Auflage wieder herausgebracht hat. Todas as Letras umfasst an die 460 Texten aus der Feder des Bahianers, der mit 17 seine ersten Gedichte noch unter dem Einfluss von Castro Alves, Gonçalves Dias und Olavo Bilac verfasste, und der heute einen herausragenden Platz im Olymp der brasilianischen Popmusik einnimmt.

Gilberto Gil: Todas as LetrasDie vorliegende Fassung, die Companhia das Letras dieser Tage in die Buchläden gestellt hat, taucht noch tiefer ein in Gils Repertoire und ergänzt die erste Auflage von 1996 um alle seitdem erschienenen Texte sowie um wichtige Informationen zu den Platten, auf denen diese Texte eine Rolle spielen. Unter jedem Text steht in Fußnoten, wer den Text, auf welcher Platte und wann je aufgenommen hat. Marcelo Fróes - wichtigster Motor des CD-Projekts Gilberto Gil Ensaio Geral (Universal 1999) - hat diese zusätzlichen und für alle Fans des «Sanften Barbars» bedeutenden Informationen zusammengetragen. Mit all diesen Erweiterungen ist das Buch von ursprünglich 368 auf 510 Seiten angewachsen und wartet zudem mit vielen neuen, aktuelleren Fotos von Gil auf.

Gilberto Gils Texte losgelöst von der Musik zu lesen ist, wie man in den sechziger Jahren in Brasilien sagte «barato total». Doch das wirklich interessante ist zu erfahren, wie einige seiner Kompositionen entstanden sind. Die erweiterte Fassung räumt dem Musiker hierfür noch mehr Platz ein und lässt ihn ausführlich erzählen, wie «Refavela», «Tradição», «Sandra», «Marcha da Tietagem», «Copo Vazio» und viele andere der über 200 von Gilberto Gil kommentierten Texte entstanden sind, ohne dass er selbst seine gewaltigsten Hits allzu sehr in den Vordergrund stellt.

Und daher ist Platz, um zum Beispiel über «O Seu Amor» zu sprechen, diese brilliante Komposition von 1976 für die Show der «Doces Bárbaros». Ein Lied, das sich tief in die Herzen vieler Leute eingebrannt hat, die sich für seine Haltung gegenüber Liebe und Sexualität interessierten. Gilberto Gil erzählt, dass es seine Intention gewesen sei, den Slogan der Diktatur «Ame-o ou Deixe-o» («Liebe es oder verlasse es» - gemeint ist Brasilien) zu persiflieren und durch das Weglassen einer Konjunktion die reduktionistische, vereinnahmende und einseitige Bedeutung des offiziellen Aphorismus, der für Abschottung und manichäische Ausgrenzung stand, zu brechen und daraus einen anderen zu machen, mit einer anderen Moral, der Liebe nämlich, zu machen. Tolerant, demokratisch und libertär.

Es war eine dunkle Epoche, das Brasilien der siebziger Jahre, regiert von dem freudlosen General Ernesto Geisel, und Gils Komposition diente als leuchtendes Zeichen für den Einsatz der Langhaarigen Caetano Veloso, Gal Costa, Gil und Maria Bethânia für ein anderes Leben, das sich auf die Freiheit des Individuums stützt.

GiLuminosoAus dem Buch GiLuminoso – A Po.Ética do Ser (Edição UNB 1999) von Bené Fonteles und Gilberto Gil zitiert der Herausgeber der Todas as Letras, Carlos Rennó einen weiteren treffenden Kommentar über solche Verse der Emanzipation: «Als mir „Ame-o ou Deixe-o“ begegnete, fand ich, dies sei eine gute Antwort auf all dies, dis spirituelle Ausrichtung der Machthaber in dieser Zeit. Sie hatten sich der Klausur und der Klaustrophilie verschrieben, in dieser ganzen Mittelalterlichkeit der Kasernen und dieser ganzen Ideologie eines Brasilien nur für sie. Es war ein Land auf dem Weg zu einer einzigen Gesellschaftsordnung, und wer diese Ordnung nicht wollte, sollte verschwinden.» Und, fährt Gil fort, «Ich fand es alles einen riesigen Blödsinn, und zugleich musste ich zusehen, wie dieser Slogan eine unglaubliche und ungebührliche Vereinnahmung dessen war, was das höchste Gefühl des Menschen darstellt, nämlich der Liebe. Was für eine Heuchelei, das Wort Liebe in einem solchen Kontext zu gebrauchen.»

Gil verrät uns auch, wie ihm «Domingo no Parque» zugeflogen ist, ein weiterer seiner fantastischen Texte voller filmischer Schnitte und Scharfsinn, mit dem er gemeinsam mit den Mutantes das 3. Festival da Música Popular Brasileira, 1967 bestritt. Beim Wiederlesen des Textes und der Kommentare, die Gil dazu macht, kommt einem unweigerlich in den Sinn, wie viel wir in den vergangenen Jahrzehnten an Qualität in der so genannten Massenkultur verloren haben. Trotz der massiven Unterdrückung hatte Brasilien in den sechziger Jahren noch die Chance, live (!) solchen Happenings wie «Domingo no Parque» landesweit beizuwohnen.

Wer vertraut ist mit Gilberto Gils Art, über die Dinge zu plaudern, wird seine Freude haben an dem lockeren Ton, in dem einige seiner Einschätzungen gehalten sind. In Todas as Letras bekommt der Leser wieder einmal eine gute Gelegenheit sich davon zu überzeugen, wie viel Weisheit der charismatischste Minister der Regierung Lula mit sich herumträgt und sich zugleich an einigen guten Portionen Verrücktheit zu erfreuen, die den Diskurs dieses Künstlers auf besondere Weise bereichern.

Denen, die dies allzu unverständlich finden sollten, sei gesagt, sein Gott ist größer.

Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler

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Felipe Tadeu
ist Journalist und Spezialist für brasilianische Musik.
Auf Radio Darmstadt produziert er regelmäßig die Sendung »Radar Brasil«.
Er lebt seit 1991 in Deutschland und ist inzwischen vor allem unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.

email: brasilkult@aol.com


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»Lula Queiroga«
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