Miguel Real:
Memórias de Branca Dias
168 páginas
Temas e Debates, 2003 |
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| «Und es war in dieser Gegend allgemein bekannt, dass auf
der Fazenda Camaragibe eine esnoga war, ein Ort, an dem die Juden sich trafen,
um ihre Zeremonien durchzuführen, darunter auch das Fasten des
Gujppur», erklärt der Florentiner Felipe Cavalcanti gegenüber
Heitor Furtado de Mendonça (Primeira Visitação do
Santo Offício às partes do Brasil pelo lic. Heitor Furtado
de Mendoça: denunciações de Pernambuco 1593-1595.
São Paulo: Homenagem de Paulo Prado, 1929, SS. 75-76.) am 16. November
1593. «Auch war es allgemein bekannt, dass Diogo Fernandes und seine
Frau Branca Dias, beide Neuchristen, ehemalige Besitzer der Fazenda Camaragibe,
am Samstag nicht arbeiteten, ihre besten Kleider anzogen und nicht in die
Zuckermühle gingen wie an den übrigen Wochentagen und auch ihre
Sklaven nicht arbeiten ließen». Aus diesen Zeilen, abgefasst im
trockenen Kanzleistil der Inquisitoren, entsteht bei Miguel Real ein Roman
aus dem ersten Jahrhundert der Kolonisation in Pernambuco, im Nordosten
Brasiliens. Auf der Flucht vor der portugiesischen Inquisition, die nach
und nach die ganze Familie nach Lissabon verschleppt hat, retten sich zuerst
Diogo Fernandes, dann seine Frau und ihre sieben Kinder in das Hinterland
von Pernambuco, nach Camaragibe, damals eine einsame Zuckerfarm am Rande
der Wildnis, täglich bedroht von Indianerrevolten und
Sklavenaufständen.
Wenig weiß man über die historische Gestalt der Branca Dias, einer
Frau ohne Gesicht, deren Kinder und Enkel in die Mühlen der Inquisition
gerieten wie sie selbst. Gebürtig aus Viana do Castelo im Norden Portugals,
heiratete sie vor 1540 Diogo Fernandes, der alsbald Portugal verließ
und sich im Nordosten Brasiliens niederließ. Der jüdischen Ketzerei
bezichtigt, wird seine Frau mit den Kindern nach Lissabon verschleppt, 1545
jedoch freigelassen, worauf sie kurz darauf bei Nacht und Nebel ein Schiff
besteigt, das sie nach Olinda bringt. Dem Ehepaar sollte wenig Glück
beschieden sein: eine Revolte der Tupinambá-Indianer zerstört
ihre Farm, Diogo stirbt bald darauf und Branca Dias verbringt ihre letzten
Jahre in Olinda, wo sie ein Mädchenpensionat führt und 1589 stirbt,
kurz bevor die Inquisition ihren langen Arm auch in den Nordosten Brasiliens
ausstreckt.
Aus dem Nebel der Erinnerung und dem Staub der Archive tauchen bei Miguel
Real nach und nach ein altes Herrenhaus im Kolonialstil auf, eine
Zuckermühle und eine alte Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern,
Märkten und Bordellen - Olinda, die alte Hauptstadt Pernambucos vor
der Besetzung durch die Holländer (1630-1654). Für die aus Portugal
geflohenen Juden ist sie eine Stadt voller messianischer Hoffnungen: wird
hier vielleicht eines Tages das Neue Jerusalem entstehen, die erste legale
Synagoge in der Neuen Welt?
Miguel Real, einem der bekanntesten Literaturkritiker Portugals, ist es mit
Memórias de Branca Dias gelungen, aus dem Archiv der Inquisition
und mündlichen Übelieferungen aus Pernambuco die Gestalt einer
Frau heraufzubeschwören, der es im 16. Jahrhundert gelang, sich trotz
aller Widerstände und Verfolgungen in einer von Männern beherrschten
Umgebung zu behaupten und ihre jüdische Tradition zu bewahren - kurzum,
ein Roman, der es verdiente, ins Deutsche übertragen zu werden.
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Albert von Brunn
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Miguel Real, stammt aus Sintra, lehrt an der Faculdade
de Letras der Lissaboner Universität und veröffentlichte bisher
die Romane A Verdadeira Apologia de Sócrates Narrada por
Platão (Campo das Letras, 1998) und A Visão de Túndalo
por Eça de Queirós (Círculo de Leitores/Difel, 2000).
Zu seinen bekanntesten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zählen
Narração, Maravilhoso, Trágico e Sagrado em Memorial
do Convento de José Saramago (Caminho, 1995) oder
Introdução à Filosofia da Saudade no Século
XX (Lisboa Editora, 1998), Portugal - Ser e
Representação (Difel, 1998), Geração de
90 - Romance e Sociedade no Portugal Contemporâneo (Campo das Letras,
2001), Eduardo Lourenço. Os Anos de Formação: 1945
- 1958 (Imprensa Nacional - Casa da Moeda, 2003) und O Essencial
sobre Eduardo Lourenço (Imprensa Nacional - Casa da Moeda,
2003).
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Albert von Brunn schrieb auf www.novacultura.de
zuletzt über A Margem imóvel do Rio
von Assis Brasil. Seine jüngste eigene Buchveröffentlichung
ist die Anthologie Trilhos na
Cabeça. |
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