Sehr gut in das aktuelle 80er-Jahre Revival passt die jüngst in Berlin
erschienene brasilianische «Post-Punk»-Compilation mit dem sperrigen
Titel Não Wave. Wobei der Begriff Revival in dem Fall in die
Irre führt, denn Bandnamen wie Agentss, Black Future,
Akira S & As Garotas que Erraram, Azul 29, Chance,
Fellini, Ira!, Akt, Vzyadoq Moe,
Mercenárias, Muzak oder Voluntários da
Pátria werden selbst in Brasilien nur die allerwenigsten (noch)
kennen.
Dass die Compilation gerade deswegen höchste Beachtung verdient hat,
liegt auf der Hand, denn es handelt sich bei den großen Unbekannten
- die mit Ausnahme von Ira! zeitlebens weit unter der Schwelle jedweder
kommerzieller Vermarktung agierten, um eine wenn auch zufällige so doch
hervorragende Auswahl aus einem offensichtlich brodelnden
«Underground» des schon immer hyper-urbanen São Paulo (mit
einigen Ausflügen in das nicht minder undergroundige Rio de Janeiro),
die gleich mehrere Lücken in der europäischen Wahrnehmung der
musikalischen Welt schließt.
Zum einen beweist sie eindrucksvoll, dass der auch gern mit dem Etikett
«Independent» benannte «Underground» der achtziger Jahre
keineswegs auf die Achse New York - London - Berlin (?) beschränkt war,
was natürlich nicht neu ist und durch entsprechende Veröffentlichungen
aus europäischen Metropolen von Budapest bis Lissabon (Rock
Rendez-Vous) längst belegt ist.
Zum anderen allerdings rückt es auch eine schon wieder nicht allzu
differenzierte europäische Sicht auf Brasilien zurecht, der zufolge
es dort schon immer nur um die möglichts kreative «Vermischung»
von einheimischen Kulturen mit einem weltweiten Mainstream ginge (s.
Tropicália u.ä.). Não Wave (Ein Kunstbegriff,
den es im Gegensatz zur New Yorker No Wave nie wirklich gab) beweist,
dass es in Sampa durchaus exzellente Nachahmer bzw. eigenständige
Protagonisten einer weltweiten und auch schon damals vernetzten Ästhetik
gab, denen das Volkstümliche und «Verwurzelte» herzlich egal
war - genau wie fast allen anderen Avantgarde-Musikern rund um den Globus.
Dass es gerade die waren (z.B. die «No Wave»-Protagonisten David
Byrne und Arto Lindsay), die dann Ende der Achtziger von New York aus die
«Ethnische» Welt neu entdeckten, und gerade in Brasilien das eine
oder in Bewegung setzten, steht erst einmal auf einem anderen Blatt.
Doch auch in dieser Richtung birgt der Sampler einige wertvolle missing links.
Denn wer bislang noch glaubte, der von treibenden Beats untermalte Sprechgesang,
mit dem Chico Science Anfang der neunziger Jahre die MPB revolutionierte,
sei seine eigene Erfindung, sollte sich unbedingt
«Redenção» von Vzyadoq anhören - die
in den Linernotes wiederum mit Bauhaus und Einstürzende Neubauten verglichen
werden oder «Ilha Urbana» von Muzak (so etwas wie die
brasilianischen Killing Joke, sagen die Linernotes).
Der punkig-funkige Samba von Black Future dagegen war schon damals
seiner Zeit um zehn oder zwanzig Jahre voraus und knüpft andererseits
an entsprechende Vorläufer in Brasilien selbst an, wohingegen der
«Samba do Morro» von Chance sich als ein von minimalistischer
elektronischer Sphärenmusik untermalter depro-Gesang entpuppt (Morro
= ich sterbe). Akira S. & As Garotas Que Erraram hingegen zitieren
Samba und Fußball bereits als «ethnisches» Beiwerk, um es
dann brutal mit den schwebenden Klängen der elektronischen Achtziger
zu kontrastieren. Merkwürdigerweise erinnern sie dabei streckenweise
nicht nur an englische Bands aus diversen NME-Zusammenstellungen sondern
auffallend auch an portugiesische Experimente, die man, und wenn es nur
vergleichsweise wäre, in dem ebenfalls hervorragenden und an dieser
Stelle wärmstens empfohlenen Sampler Rock Rendez Vous 1985
nachhören könnte).
Kurzum: Es gibt viel zu entdecken und nachzuhören. Nicht nur im
wissenschaftlichen Sinne, denn es sind außer den genannten noch andere
richtig geile Stücke darauf. Das zuckersüße «Ciências
Sensuais» von Azul 29 etwa oder Fellinis «Teu Inglês»
mit massivem Swing-Faktor, «Lá Fora pode até morrer»
von Ira! dem man den aggressiven punkigen Hintergrund auch durch den verfremdeten
ska-Rhythmus noch anhört oder, oder oder ...
Für Nostalgiker der grauschwarzen Achtziger ist der Erwerb dieser
musikarchäologischen Platte geradezu obligatorisch. Und außerdem
- dies nur noch als Extra-Argument - wurde es auch Zeit, dass dem
Easy-Listening-Image der brasilianischen Musik einmal etwas völlig
«abseitiges» entgegen gesetzt wird.
Selbstverständlich findet man Não Wave nicht in jedem
erstbesten Supermarkt sondern nur im gut sortierten Schallplattenhandel.
Alles andere wäre Verrat. |