Brasilien ist nicht gerade arm an außergewöhnlichen Interpretinnen.
Da geht man an jede Neuerscheinung mit einer gewissen Skepsis heran. Ein
Titel wie "The shine of dried electric leaves" macht zumindest neugierig,
nährt aber auch gleich die Angst vor noch einem
Brazil-Lounge-Chillout-Gedudel.
Welch eine Überraschung, als endlich die CD selbst zu spielen beginnt.
Schon nach wenigen Takten ist jede Skepsis einer fast bedingungslosen
Begeisterung gewichen.
Subtil und voller guter Ideen zappt sich Cibele durch ein Repertoire, das
von Tom Waits bis zu Tom Jobim reicht, und ihr englischer Titel des Albums
entpuppt sich als Reminiszenz an die Londoner Jahre des damals noch langhaarigen
Caetano Veloso: My eyes, they're looking for flying saucers in the sky
Fast meint man, Caetano selbst sänge da im Duett mit Cibelle.
Doch es ist nur Devendra Banhart, der bisweilen klingt wie der ganz frühe
Marc Bolan. Genial!
Genial auch die Arrangements, die durchaus tropicalistische Qualitäten
haben und mit Instrumentierungen aufwarten, die gelinde gesagt,
außergewöhlich sind: Harfe, Glockenspiel, Marimba, aber auch
Löffel, Straßengeräusche, fliegende Untertassen, Löffel
und ein Moleskine Taschenkalender
Wer aber bei der Erwähnung von Caetano Veloso jedoch an
Araçá Azul denkt, ist schon wieder auf dem Holzweg. Cibelles
Soundtüfteleien ergeben eine harmonische, mitreißende Melange
aus brasilianischen Klängen aller Couleur, auch wenn sie bisweilen auf
Englisch singt. Auch dies machte Caetano ihr seinerzeit vor. Und sicherlich
standen sein Londoner Album und Transa nicht nur bei Cibelle im
Plattenregal. Viele Sounds auf ihrem Album sind direkte Zitate (auch aus
Araçá Azul, muss man sagen).
Ist es nun ein tropicalistisches Album? Wahrscheinlich nicht, denn die
ästhetischen Rahmenbedingunen sind andere heutzutage, und man sollte
sich hüten, alle paar Jahre eine neue Tropicália auszurufen.
Es sind auch Elemente auf dem Album, die an Tom Zé und Arrigo
Barnabé erinnern wieder ohne die ihnen nachgesagte
Sperrigkeit.
Vielleicht ist es das, was Cibelles neues Album so außergewöhnlich
macht: Dass der radikale Experimentalismus hier einladend wirkt, harmonisch,
melodisch und gnadenlos schön. |