| Ana Moura: Para Além da Saudade
Ana Moura ist der
neueste Stern, der mit der ihrer dritten CD Para além da Saudade
(Universal / World Village) über den deutschen Fado-Himmel gejagt wird.
Ein ganz besonderer Stern, denn nach Jahren diverser Pop-Fado-Experimente
traut sich jetzt wieder eine junge Interpretin den Fado so zu singen, wie
es sich gehört. Was nicht heißt, dass dies keine Erneuerung sei.
Mit Ana Moura sprach Michael Kegler
Woher kommt diese Stimme? Jemandem, der 1979 geboren ist, wurde der Fado
doch nicht in die Wiege gelegt, oder doch?
Meine Eltern haben schon Fado gesungen. Sie waren keine Profis, gingen anderen
Berufen nach, aber ich habe sie immer singen hören, und es hat mir gefallen.
Am Wochenende, wenn sie sich mit Freunden trafen oder was auch immer, es
gab immer einen Grund zu feiern und für meinen Vater, die Gitarre zur
Hand zu nehmen und Fado zu singen. Auch in der Familie meiner Mutter singen
alle den Fado.
Als ich älter wurde, hörte ich andere Musik, wie jeder normale
Jugendliche auch, aber die besondere Liebe für den Fado ist geblieben.
Und nun singe ich selbst, als sei es mein Schicksal (lacht).
Aber angefangen hast du als Rocksängerin.
Ja, wir hatten sogar schon eine Platte aufgenommen, und in diesem Zusammenhang
war ich mit ein paar Freunden in einer Bar, und es gab Fado, und ein paar
Leute sagten, ich sollte doch auch singen. Und ich sang, und von da an nahm
alles seinen Lauf.
Es waren eine ganze Menge wichtiger Leute aus der Fado-Szene in dieser Bar,
und irgendwann sang ich auf einer Weihnachtsfeier und da lernte ich die
große Fado-Dame Maria da Fé kennen ...
... die ja einen ganz anderen Gesangsstil hat als du ...
ja das stimmt, aber sie hörte mich an diesem Abend und bat mich, in
ihren Fado-Lokal, dem Senhor Vinho in Lissabon aufzutreten. Und
so fing alles an.
Und die Rock-Karriere?
Die Platte wurde nie veröffentlicht. Ich begann ja recht bald
regelmäßig im Senhor Vinho zu singen und habe die
Rockmusik sein lassen. Mein Leben hat sich komplett verändert, ich wurde
zu einer Fernsehshow eingeladen, und das bekam der Chef der Plattenfirma
mit, der mich als Rocksängerin kannte. Daraufhin ging er ins Senhor
Vinho, hörte mich dort und sagte: Okay, lass uns eine Fado-Platte
machen.
Glaubt man den Internet-Suchmaschinen, ist dein Name in den Niederlanden
bekannter als in Portugal. Woher kommt das?
Wieder ein Zufall. Meine ersten Agenten waren Holländer. Leute, die
ich zufällig kennen gelernt hatte. Also habe ich erst einmal viel mehr
in Holland gesungen als in Portugal. Das ist jetzt anders.
Von ganz kleinen Ausnahmen abgesehen, klingt deine Platte fast rigoros
traditionell. Warst du nie versucht, mit dem Fado zu experimentieren, wie
es eine Zeit lang Mode war?
Es macht mir schon Spaß, Fado mit anderen Genres zu mischen. Ich trete
auch oft auf World-Music-Festivals auf, wo ich andere Musiker
anderer Richtungen und mit anderen Sounds kennen lerne.
Auf meiner neuen Platte spielt ja auch Tim Ries, Tour-Saxophonist der Rolling
Stones, mit, für den ich wiederum auf seinem Rolling-Stones Projekt
singe.
Andererseits denke ich, der Fado muss seine natürliche Entwicklung nehmen.
Was Amália sang, war ein ganz anderer Fado, sagt man. Das heißt,
es gibt eine ganz natürliche, kontinuierliche Weiterentwicklung aus
sich selbst heraus. Wie alles im Leben. Aber in seinem Charakter muss der
Fado erhalten bleiben, sonst ist es kein Fado mehr sondern etwas anderes.
Also Rock und Fado oder so etwas käme für dich nicht in
Frage?
Nein, nein (lacht), außer bei dem Projekt mit den Stones. Aber da bin
ich als Fado-Sängerin aufgetreten.
Kannst du eigentlich noch in Fado-Lokalen auftreten, jetzt wo du
regelmäßig auf großen Bühnen singst?
Das macht es schwierig. Während einer Tournee kann man nicht
regelmäßig im Fado-Lokal auftreten. Aber das sind auch zwei
völlig unterschiedliche Dinge.
In den Fado-Lokalen herrscht eine Athmosphäre, die einzigartig ist,
und das fehlt mir schon sehr. Wenn ich in Lissabon bin, gehe ich wenn immer
möglich, ins Casa de Linhares, in unserem mittelalterlichen
Stadtteil Alfama. Das ist sehr wichtig für mich.
Kann man die Athmosphäre eines Fado-Lokals exportieren? Nach Holland,
USA, Deutschland?
Ich versuche das auf meinen Konzerten. Ich versuche den Leuten zu erklären,
was ein Fado-Lokal ist, die Enge, das Geheimnis, die Nähe zum Publikum,
ohne Verstärker.
Aber natürlich sind das viel größere Räume, da ist eine
natürliche Distanz, die man nie ganz überwinden kann.
Kannst du mir erklären, warum der Fado für uns Deutsche zum
Beispiel das erste ist, was uns zu Portugal einfällt?
Der Fado ist anders als alles, was es in anderen Ländern gibt. Vom
Gesangsstil her, von den Kompositionen und sogar von den Instrumenten - wie
beispielsweise die portugiesische Gitarre. Ein ganz anderer Klang. Und dann
kommt diese Innerlichkeit hinzu, die der Fado transportiert. Das macht neugierig.
Und ein Ausländer wird dies, auch wenn er kein Wort versteht, sofort
begreifen. Zumindest erzählt man mir das.
Und genau das ist Fado: Musik die man spüren kann, die Dinge zu
erklären versucht, die mit Worten nicht zu erklären sind. |
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